Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Sie sind hier: WirRheinländer > Hurrapatriotismus > Sozialpolitische Strömungen

Hurrapatriotismus

Sozialpolitische Strömungen im Rheinland

Einzelne Unternehmer suchten aus ihrem patriarchalischen Selbstverständnis heraus die Not ihrer Arbeiter zu lindern. So entstanden Arbeiterheime, in denen ledige Arbeiter wohnen und sich verköstigen konnten, innerbetriebliche Krankenkassen und eine allgemeine gewisse soziale Sicherheit. Ziel war es, die Belegschaft an den Betrieb zu binden und der ständigen Fluktuation von Arbeitern einen leistungsfähigen und verlässlichen Arbeiterstamm entgegenzusetzen. Allen voran beschritt Franz Haniel diesen Weg. Insgesamt konnte aber nur ein geringer Anteil der Arbeiter von diesen sozialen Einrichtungen profitieren, bevor der Staat mit den Sozialversicherungsgesetzen in den 1880er Jahren regelnd eingriff.
Diese Maßnahmen zugunsten der Arbeiter waren Zeichen einer Entwicklung, die in den 1860er Jahren einsetzte und in deren Verlauf die Unternehmer die unreflektierte Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft aufgaben. Medizinische Erkenntnisse und verbesserte Produktionsbedingungen führten zu der Einsicht, dass insgesamt kürzere Arbeitszeiten, die intensiver genutzt wurden, produktionssteigernd wirken konnten. Fabrikbesitzer in Mönchengladbach waren hier die ersten, die diese Erkenntnis umsetzten und 1867 eine Arbeitszeit von 12 Stunden pro Tag verbindlich festsetzten. In den folgenden Jahren sank die wöchentliche Arbeitszeit in der Industrie bis zum Ersten Weltkrieg von über 70 bis auf 55 Stunden.

Nur zögernd griff die Reichsregierung in das Wirtschaftsleben ein, und spät erst nahm sie die Folgen der sozialen Probleme - Alkoholismus, Prostitution, Kriminalität, Verwahrlosung - für die bürgerlichen Moral- und Rechtsvorstellungen wahr. Sie verstaatlichte das Eisenbahn-, Post- und Fernmeldewesen und unterwarf die Reichsbank ihrer Kontrolle. Sie erschwerte Arbeitsvertragsverstöße, schrieb Fabrikinspektionen vor, verbesserte den Arbeitsschutz, schränkte die Frauen- und Kinderarbeit ein und verfügte die Sonntagsruhe. Kern ihrer Sozialpolitik waren die staatliche Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherung, die von 1883 bis 1889 entstanden. Ihr folgte 1911 die Arbeitslosenversicherung. Staat und Kommunen förderten auch die Aus- und Weiterbildung in Handel, Technik und Gewerbe. 1870 öffnete in Aachen eine polytechnische Schule, die 1897 zur Technischen Hochschule wurde. 1879 schaffte Köln mit seiner gewerblichen Fachschule einen neuen Typus von Bildungsanstalt. 1882 wurde in Remscheid eine Fachschule für Beschäftigte der bergischen Kleineisenindustrie gegründet, 1883 in Düsseldorf eine Kunstgewerbeschule.

Führende Sozialisten, wie der aus Deutz gebürtige Drechsler August Bebel (1840-1913, deuteten diese Politik der "Herrschenden" als bloße Reparatur an einem überlebten System. Sie wollten nicht, wie der Breslauer Rechtsanwalt Ferdinand Lassalle (1825-1864), die bürgerlich-kapitalistische Ordnung reformieren, sondern "legal" beseitigen.
Im Rheinland setzte die Sozialdemokratie vor allem auf die evangelische Arbeiterschaft des Bergischen Landes und, ab 1890, des Ruhrgebiets. Fast immer vertrat die SPD Barmen, Elberfeld und Solingen im Reichstag, Köln aber erst 1912. Mit ihrer Pflege von Frohsinn und Geselligkeit sprachen sozialistische Arbeitervereine die rheinische Seele an, so z. B. das Stiftungsfest des "Rheinischen Arbeitersängerbundes" 1899 in Ohligs. Auch die Maifeiern im Rheinland waren gut besucht.
Mit der Aufhebung des "Sozialistengesetzes" 1890 wurden jährliche Feiern zum 1. Mai ein festes Ritual der deutschen Arbeiterbewegung, auch im Rheinland. Das Programm sah meist Vokal- und Instrumentalmusik und ein gesellschaftskritisches Theaterstück vor, bisweilen ergänzt durch artistische Vorführungen eines Turnvereins. Die Musikeinlagen reichten von klassischen Stücken über beliebte Volkslieder bis zu marxistischen Kampfliedern. So fanden sich auf den Ankündigungszetteln wenige prominente neben vielen weithin unbekannten Komponistennamen. Die Musikbeiträge wurden von Feuerwehrkapellen, Fanfarenzügen, Arbeitergesangvereinen und unpolitischen Männerchören dargeboten. Nicht selten jedoch stand das dicht gedrängte Programm im Gegensatz zum Wunsch des Publikums, ungezwungen ein paar angenehme Stunden mit der Familie, mit Nachbarn oder Gleichgesinnten in freier Natur abseits von Lärm und Staub, Hitze und Hektik der Werkshallen oder Kohleschächte zu verbringen. Die Klassenkampfrhetorik jedoch irritierte viele. Zu radikal widerstrebte sie der rheinischen Maxime "Leben und leben lassen".

 

to the english sites