Sie sind hier: WirRheinländer > Erster Weltkrieg
Um die Jahrhundertwende herrschte im Reich in allen Schichten ein ungebrochener Optimismus und Fortschrittsglaube. Eine technische Innovation jagte in Deutschland die nächste. Immer schneller, höher, weiter hieß die Parole der Zeit. Von dieser Technikbegeisterung ließen sich auch die Menschen in Rheinland und Westfalen anstecken.
Das Ruhrgebiet hatte sich zum schwerindustriellen Zentrum des Deutschen Reiches entwickelt, dessen Erscheinungsbild maßgeblich von Zechen und Fabrikanlagen geprägt wurde. Etwa 2,3 Mio. Menschen lebten in der Region und mehrere Städte hatten ein enormes Wachstum hinter sich. So Dortmund und Essen, die ab 1895 bzw. 1896 mehr als 100.000 Einwohner hatten und zur Großstadt wurden. Zu diesem Bevölkerungswachstum trugen besonders die Zuwanderer bei; so lag der ostpreußische Anteil der Ruhrbevölkerung bei 10%. In fast allen Städten gab es eine ausreichende Wasserversorgung und eine Kanalisation. Straßenbeleuchtung, Straßenbahnen und die privaten Haushalte machten nun im ganzen Reich eine sichere Stromversorgung vorrangig, was die Kohleförderung im Revier ankurbelte.
Bestimmend war die gesellschaftliche Elite des Adels und des Militärs sowie der Unternehmer. Während die unternehmerische Macht zunehmend in den Händen weniger lag und die Verflechtung von Industrie und Bankkapital fortschritt, lebten die Arbeiter am Rande des Existenzminimums. Die Familien waren auf die Mitarbeit von Frauen und Kindern angewiesen, da der Lohn des Mannes allein nicht ausreichte. Gewerkschaften und Unternehmer standen sich in dieser Situation unversöhnlich gegenüber und so kam es seit den 70er Jahren immer wieder zu Streiks. Wohnraum für Arbeiter war knapp: auf jede Wohnung kamen 20-30 Su-chende. In 10-20% aller Haushalte wurden ein Zimmer bzw. eine Schlafstelle an einen Kostgänger vergeben. Aber die Gesellschaft war auf dem Weg, das soziale Problem zumindest als solches zu erkennen. Es gab Versuche, den unteren Klassen ihr Los zu erleichtern. An der vorherrschenden Gesellschaftsordnung, die den Arbeitern auch politisch die vollen Rechte verweigerte, wollte aber außer den Sozialisten niemand etwas ändern.
Das sich etablierende Gesundheitswesen mit seiner Konzentration auf Vorbeugung und Verbesserung der hygienischen Bedingungen war erfolgreich: mehr Säuglinge überlebten. Gleichzeitig wurde das Krankenversicherungswesen eingerichtet, das eine ärztliche Versorgung aller Schichten sicherstellte. Neben diesen staatlichen Bemühungen gab es auch private Initiativen. In dieser Zeit entstand z.B. die Idee, arme kinderreiche Familien mit einem kleinen Stück Land auszustatten, damit sie durch Anbau von Gemüse ihre Versorgungslage selbständig verbessern konnten: Schrebergärten entstanden. Die Arbeiter und Bürger verbrachten ihre Freizeit mit einem regen Vereinsleben - natürlich streng getrennt. Geselligkeit und Bierkonsum standen dabei im Vordergrund, aber auch Sportvereine und besonders Fußballclubs erlebten einen enormen Zulauf.
Die Natur im Ruhrgebiet litt unter den Folgen der Industrialisierung. Die Umwelt war durch die Emissionen der Fabriken stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die kleinen Flüsse des Reviers galten als Brutstätte von Cholera, Typhus, Ruhr und Malaria und in der Luft konnte man in den Ruß greifen.
In dieser Situation brach der Erste Weltkrieg aus. Zunächst traten die sozialen Unterschiede durch die patriotischen Gefühle, die alle Bevölkerungsschichten einten, in den Hintergrund. Der so genannte "Burgfrieden" des Kaisers mit den Sozialisten und deren Zustimmung zu den nötigen Kriegskrediten verschob auch die politische Auseinandersetzung bis nach Kriegsende.